Stoff, Wirkung oder Frage
Inhaltsstoffe/Probiotika/Probiotika und Antibiotika
Probiotika · 23 Quellen ausgewertet

Probiotika nach Antibiotika: Was bringen sie wirklich?

Mit dem Antibiotikum wandert oft gleich eine zweite Packung über den Apothekentresen. Gegen Durchfall hilft sie wahrscheinlich, für den Wiederaufbau der Darmflora fehlen die Belege.

Illustration: KI-generiert
Stand der Evidenz Oktober 202623 QuellenLesezeit 9 Min.So bewerten wir

Die kurze Antwort

Werden Probiotika während einer Antibiotika-Behandlung genommen, tritt Durchfall wahrscheinlich seltener auf, bei Erwachsenen um etwa ein Drittel. Am besten untersucht sind die Hefe Saccharomyces boulardii und Lactobacillus rhamnosus GG; die Befunde gelten nur für diese Stämme. In den Studien begann die Einnahme mit dem Antibiotikum, nicht erst danach. Ob Probiotika die Erholung der Darmflora danach fördern oder bremsen, ist ungeklärt.

Auf dieser Seite 8 Abschnitte
  1. Sind Probiotika nach Antibiotika sinnvoll?
  2. Welche Probiotika nach Antibiotika?
  3. Probiotika während oder nach Antibiotika einnehmen?
  4. Probiotika für Kinder bei Antibiotika
  5. Schützen Probiotika vor Clostridioides difficile?
  6. Erholt sich die Darmflora nach Antibiotika mit Probiotika schneller?
  7. Helfen Probiotika bei der Helicobacter-Therapie?
  8. Können Probiotika Resistenzgene weitergeben?

Mit dem Antibiotikum wandert in der Apotheke oft gleich eine zweite Packung über den Tresen, ein Probiotikum, das den Darm schützen soll. Die Idee dahinter ist einleuchtend. Antibiotika töten nicht nur die Erreger einer Infektion, sondern auch viele der nützlichen Bakterien im Darm, und Durchfall gehört deshalb zu ihren typischen Nebenwirkungen. Lebende Bakterien als Ersatz klingen da wie die logische Antwort. Doch Probiotika sind kein einheitliches Mittel, und was in der Theorie überzeugt, muss sich in Studien erst bewähren. Das Ergebnis fällt gemischter aus, als die Werbung vermuten lässt.

Sind Probiotika nach Antibiotika sinnvoll?

Gegen Durchfall während einer Antibiotika-Behandlung schützen Probiotika wahrscheinlich, und zwar um etwa ein Drittel. Zu diesem Ergebnis kommt die maßgebliche Auswertung von 36 Studien, in denen rund zehntausend Erwachsene neben ihrem Antibiotikum entweder Probiotika oder ein Scheinpräparat (Placebo) bekamen.1 Eine zweite Auswertung mit fast denselben Studien landete beim gleichen Wert.2 Das ist ein ordentlicher Effekt. Solche Sammelauswertungen, in der Forschung Meta-Analysen genannt, bündeln viele Einzelstudien zu einer gemeinsamen Rechnung.

Höher lässt sich der Nutzen trotzdem nicht einstufen. Der Grund ist die größte Einzelstudie zu dieser Frage. Fast dreitausend Patienten über 65 Jahre in Kliniken nahmen darin drei Wochen lang eine Mischung aus Laktobazillen und Bifidobakterien oder ein Placebo, und am Ende bekamen in beiden Gruppen gleich viele Durchfall.3 Eine so große, sorgfältige Studie ohne Effekt wiegt schwer, und sie zeigt, dass der Schutz nicht für jedes Präparat und jede Gruppe gilt.

Dazu passt eine weitere Beobachtung. Wo das Risiko für Durchfall ohnehin gering war, machten Probiotika keinen Unterschied. Zudem wirkten nach der Auswertung nur bestimmte Arten von Laktobazillen und Bifidobakterien.1 Weil die Meta-Analysen sehr verschiedene Stämme zusammenrechnen, lässt sich der Schutz außerdem keinem bestimmten Produkt zuordnen. Am ehesten lohnt ein Versuch deshalb dort, wo Durchfall unter Antibiotika ohnehin häufig ist. Für alle anderen ist der Nutzen klein.

So wurde gemessen
  • Maßgebliche Auswertung: 42 Studien mit 11.305 Erwachsenen, davon 36 gegen Placebo mit 9.819 Personen (RR 0,69). Über alle Studien RR 0,63, mittlere Vertrauenswürdigkeit nach GRADE. Bei niedrigem Ausgangsrisiko kein Unterschied; höhere gegenüber niedrigerer Dosis desselben Probiotikums RR 0,54.1
  • Zweite Auswertung: 36 Placebo-Studien mit 9.312 Erwachsenen, RR 0,62; Nebenwirkungen nicht häufiger.2
  • Größte Einzelstudie: 2.941 ausgewertete Klinikpatienten ab 65 Jahren, Mischung aus Lactobacillus und Bifidobacterium über 21 Tage. Durchfall 10,8 % gegenüber 10,4 % unter Placebo (RR 1,04).3

Welche Probiotika nach Antibiotika?

Am besten untersucht sind zwei einzelne Stämme, eine Hefe und ein Milchsäurebakterium. Die Hefe heißt Saccharomyces boulardii, und eine Auswertung von 21 Studien mit Kindern und Erwachsenen fand mit ihr etwa halb so viele Fälle von Antibiotika-Durchfall wie ohne.4 Wahrscheinlich ist dieser Schutz echt. Allerdings verglich ein Teil der Studien gar nicht mit einem Placebo, sondern mit keiner Behandlung. In diesen Studien wussten die Beteiligten, wer was bekam.

Ähnlich groß war der Effekt beim Bakterium Lactobacillus rhamnosus GG, kurz LGG. Auch hier sank das Risiko in einer eigenen Auswertung von elf Studien wahrscheinlich auf etwa die Hälfte.5 Getrennt betrachtet war der Schutz aber nur bei Kindern gesichert, bei Erwachsenen nicht. Für beide Stämme gilt dieselbe Einschränkung: Der Befund gehört zu genau diesem Stamm und lässt sich nicht auf andere Probiotika übertragen.

Daraus folgt eine praktische Regel. Wer ein Präparat sucht, sollte darauf achten, dass Gattung, Art und Stamm vollständig angegeben sind. Nur so lässt sich prüfen, ob genau dieser Stamm getestet wurde. Ein Mittel mit möglichst vielen verschiedenen Bakterien ist nach den Studien kein Vorteil an sich, denn Probiotika und ihre Wirkung lassen sich immer nur Stamm für Stamm beurteilen.

So wurde gemessen
  • S. boulardii: 21 Studien mit 4.780 Kindern und Erwachsenen, Kontrolle Placebo oder keine Behandlung. Durchfall 8,5 % gegenüber 18,7 % (RR 0,47); Kinder RR 0,43, Erwachsene RR 0,49.4
  • LGG: 11 Studien mit 1.308 Personen, Durchfall 12,3 % gegenüber 22,4 % (RR 0,49), geringe Vertrauenswürdigkeit. Kinder RR 0,48 (gesichert), Erwachsene RR 0,48 (nicht gesichert).5

Probiotika während oder nach Antibiotika einnehmen?

In den Studien wurden Probiotika während der Antibiotika-Behandlung genommen, nicht erst danach. Die maßgebliche Auswertung beschreibt genau diese gemeinsame Gabe.1 Probiotika und Antibiotika zusammen einzunehmen ist also kein Widerspruch, sondern das, was getestet wurde. Ob zwischen Tablette und Probiotikum ein Abstand von einigen Stunden nötig ist, haben die Studien allerdings nicht verglichen. Ob Joghurt oder Sauerkraut als probiotische Lebensmittel während der Kur dasselbe leisten, ist eine eigene Frage, denn geprüft wurden Präparate.

Wichtig scheint dagegen der Beginn zu sein. Eine Auswertung bei Menschen über 65 Jahren fand einen Schutz nur, wenn die Probiotika innerhalb der ersten zwei Tage nach dem Start der Antibiotika begannen.6 Zwei große Studien, in denen die Einnahme später einsetzte, zeigten keine Wirkung. Auch die Menge spielt eine Rolle, denn eine höhere Dosis desselben Präparats schützte besser als eine niedrigere.1

So wurde gemessen
  • Zeitpunkt: 8 Studien mit 4.691 Menschen über 65 Jahren. In der Teilauswertung von 6 Studien mit Beginn innerhalb von 48 Stunden weniger Durchfall; 2 große Studien mit späterem Beginn ohne Effekt.6
  • Dosis: höhere gegenüber niedrigerer Dosis desselben Probiotikums RR 0,54.1

Wie lange Probiotika nach Antibiotika?

Eine belegte Dauer gibt es nicht, und eine Einnahme über die Antibiotika-Kur hinaus hat keinen nachgewiesenen Nutzen. Direkt verglichen wurden unterschiedliche Zeiträume nur für einen einzigen Stamm, Limosilactobacillus reuteri DSM 17938, bei Kindern. Wer ihn bis zu zwei Wochen bekam, hatte nicht seltener Durchfall, bei drei Wochen schon. Doch das hielt nicht: Über die ganze Nachbeobachtung von acht Wochen verschwand der Vorteil wieder.7

Auch die große Studie mit älteren Klinikpatienten gab ihre Mischung drei Wochen lang und fand trotzdem keinen Schutz.3 Mehr Tage heißen nicht mehr Wirkung. Wer Probiotika nimmt, um die Darmflora nach der Kur wieder aufzubauen, verlässt ohnehin den Boden der Studien, denn ob das gelingt, hat niemand mit einem Placebo geprüft.

So wurde gemessen
  • Nur L. reuteri DSM 17938: 3 Studien mit 998 Kindern. Gabe bis 14 Tage ohne Effekt (RR 0,85), bis 21 Tage RR 0,50; über die Nachbeobachtung bis 56 Tage kein Schutz.7
  • Große Einzelstudie: Mischung über 21 Tage, kein Effekt (RR 1,04).3

Probiotika für Kinder bei Antibiotika

Bei Kindern senken Probiotika das Risiko für Antibiotika-Durchfall wahrscheinlich deutlich, vor allem in höherer Menge. In der Cochrane-Auswertung, einer besonders strengen Form der Auswertung, bekamen von hundert Kindern mit Probiotika etwa acht Durchfall, ohne sie etwa neunzehn.8 Gesichert war der Effekt allerdings nur bei hohen Mengen, also ab rund fünf Milliarden Keimen am Tag. Schwere Nebenwirkungen durch die Probiotika traten nicht auf.

Auch bei Kindern rechnet die Auswertung viele Stämme zusammen. Einzeln untersucht sind vor allem S. boulardii und LGG, die bei Kindern beide gut abschnitten.45 Für den Stamm L. reuteri DSM 17938 fand eine eigene Auswertung über die ganze Nachbeobachtung dagegen keinen Schutz.7 Bei Koliken oder Verstopfung sieht die Studienlage für Probiotika bei Kindern wieder ganz anders aus.

So wurde gemessen
  • Cochrane: 33 Studien mit 6.352 Kindern, Kontrolle Placebo, andere Vorbeugung oder keine Behandlung. Durchfall 8 % gegenüber 19 % (RR 0,45), mittlere Vertrauenswürdigkeit; ab 5 Milliarden koloniebildenden Einheiten am Tag RR 0,37, darunter RR 0,68, nicht gesichert.8

Schützen Probiotika vor Clostridioides difficile?

Ob Probiotika vor einer Darminfektion mit Clostridioides difficile schützen, ist unklar, obwohl die Zahlen zunächst gut aussehen. Dieser Keim kann sich nach Antibiotika im Darm ausbreiten und einen schweren Durchfall auslösen, und in der aktuellen Cochrane-Auswertung von 38 Studien halbierte sich das Risiko für eine solche Erkrankung mit Probiotika ungefähr. Das klingt nach viel. Doch die Erkrankung ist selten, und deshalb müssen rund 65 Menschen Probiotika nehmen, damit ein einziger Fall verhindert wird.9

Zwei Punkte dämpfen das Ergebnis. In 28 der 47 eingeschlossenen Studien hatten Autoren Verbindungen zu Herstellern oder bekamen Geld von ihnen, sodass der Schutz nicht unabhängig gesichert ist. Zudem fand die große Studie mit fast dreitausend älteren Klinikpatienten keinen gesicherten Unterschied.3 Selbst für die Hefe S. boulardii war der Schutz bei Erwachsenen in einer eigenen Auswertung nicht gesichert.4 Bei wiederholten oder schweren Durchfällen nach Antibiotika ist deshalb immer eine ärztliche Untersuchung nötig, kein Griff ins Regal.

So wurde gemessen
  • Cochrane 2025: 47 Studien mit 15.260 Teilnehmenden, davon zu C. difficile 38 Studien mit 13.179. Erkrankung 1,6 % gegenüber 3,2 % (RR 0,50), geringe Vertrauenswürdigkeit; 65 Behandelte für einen verhinderten Fall. Kontrollen teils Placebo, teils keine Behandlung.9
  • Größte Einzelstudie: 0,8 % gegenüber 1,2 % (RR 0,71), nicht gesichert.3
  • Nur S. boulardii: Erwachsene 9 Studien mit 1.441 Personen, RR 0,80, nicht gesichert.4

Erholt sich die Darmflora nach Antibiotika mit Probiotika schneller?

Ob Probiotika der Darmflora nach Antibiotika beim Erholen helfen oder sie bremsen, ist ungeklärt, denn die wenigen Studien widersprechen sich. Die bekannteste Untersuchung hat Zweifel geweckt. Freiwillige bekamen nach einer Antibiotika-Kur entweder eine Mischung aus elf Stämmen, ihre eigene Stuhlflora zurück oder gar nichts.10 Mit dem Probiotikum kehrten die eigenen Darmbakterien deutlich langsamer und unvollständiger zurück als ganz ohne Hilfe. Am schnellsten wirkte die Rückgabe der eigenen Flora. Drei kleine Studien mit Placebo fanden dagegen keine Verzögerung, und in zwei davon war die Flora mit Probiotika sogar etwas weniger gestört.212223

Diese Studie war klein, sie hatte keine Placebo-Gruppe, und gemessen wurden nur Laborwerte der Darmflora, nicht Beschwerden oder Krankheiten. Auch die Studien mit Placebo maßen nur den Stuhl, und sie prüften andere Stämme. Trotzdem widerspricht die Studie der verbreiteten Vorstellung vom „Wiederaufbau“. Hinzu kommt, dass sich Probiotika-Keime von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich im Darm ansiedeln, bei manchen kaum.11 Probiotika nach Antibiotika sind deshalb vor allem als Schutz vor Durchfall während der Behandlung untersucht, nicht als Kur für die Zeit danach. Was Probiotika sonst für den Darm und die Darmflora leisten, ist ebenfalls bescheidener als oft versprochen.

So wurde gemessen
  • Erholung nach Antibiotika: gesunde Freiwillige und Mäuse, drei Wege: spontane Erholung, Probiotikum aus elf Stämmen, Rückgabe der eigenen Stuhlflora; keine Placebo-Gabe. Proben aus Stuhl und Darmschleimhaut; mit dem Probiotikum verzögerte, anhaltend unvollständige Erholung.10
  • Placebo-Studien: Gesunde unter Amoxicillin/Clavulansäure. Joghurt mit B. lactis BB-12, weniger Veränderung von Stuhlflora und kurzkettigen Fettsäuren;21 L. rhamnosus und L. helveticus, Stuhlflora in beiden Gruppen nach einer Woche wie zu Beginn;22 Mischung aus Bifidobakterien und Laktobazillen, Stuhlflora näher am Ausgangszustand (p = 0,046).23
  • Ansiedlung: gesunde Erwachsene ohne Antibiotika, Proben aus der Darmschleimhaut; Ansiedlung sehr unterschiedlich.11

Helfen Probiotika bei der Helicobacter-Therapie?

Als Zusatz zur Antibiotika-Kur gegen Helicobacter pylori helfen Probiotika wahrscheinlich, den Keim häufiger loszuwerden. Das Magenbakterium kann Entzündungen und Geschwüre verursachen. Behandelt wird es mit mehreren Medikamenten zugleich, die oft Durchfall, Übelkeit und Geschmacksstörungen mit sich bringen. In der größten Auswertung mit 91 Studien gelang die Ausrottung mit Probiotika bei knapp vier von fünf Behandelten, ohne sie bei etwa sechs von zehn.12 Das ist ein deutlicher Abstand. Zugleich traten die typischen Beschwerden der Therapie seltener auf.

Allerdings rechnet auch diese Auswertung viele Stämme zusammen, und viele Studien stammen aus Asien und verglichen ohne Placebo. Wurden nur Placebo-Studien mit Laktobazillen betrachtet, schrumpfte der Vorteil auf ein kleines, aber verlässliches Plus.13 Probiotika ersetzen die Antibiotika in keinem Fall.

So wurde gemessen
  • Größte Auswertung: 91 Studien mit 13.680 Teilnehmenden. Ausrottung 78,75 % gegenüber 62,43 % (OR 1,62); weniger Durchfall (RR 0,49), Übelkeit und Erbrechen (RR 0,69) und Geschmacksstörungen (RR 0,64).12
  • Nur Placebo-Studien mit Lactobacillus: 14 Studien mit 2.054 Erwachsenen, RR 1,04, hohe Vertrauenswürdigkeit.13

Saccharomyces boulardii bei Helicobacter

Für die Hefe Saccharomyces boulardii als Zusatz zur Helicobacter-Therapie ist der Nutzen gut belegt, vor allem bei den Nebenwirkungen. Sieben Auswertungen kommen übereinstimmend zu diesem Ergebnis, die größte mit 19 Studien und rund fünftausend Teilnehmenden.14 Die Ausrottung gelingt mit ihr etwas häufiger, und Nebenwirkungen der Therapie wie Durchfall treten nur etwa halb so oft auf.15 Der Zugewinn beim Ausrotten ist dabei klein, die Erleichterung bei den Beschwerden größer. Gerade das zählt im Alltag.

Einschränkungen gibt es auch hier. Die meisten Studien verglichen ohne Placebo, und viele chinesische Studien tauchen in mehreren Auswertungen zugleich auf.16 Der Befund gilt für diese Hefe, nicht für Probiotika im Allgemeinen.

So wurde gemessen
  • Größte Auswertung: 19 Studien mit 5.036 Teilnehmenden, Ausrottung häufiger.14
  • Effektgröße: 11 Studien, 1.708 ausgewertet; Ausrottung 80 % gegenüber 71 % (RR 1,11), Nebenwirkungen insgesamt RR 0,44, Durchfall RR 0,51.15
  • Neueste Auswertung: Erwachsene 15 Studien (RR 1,07), Kinder 3 Studien (RR 1,12), mittlere Vertrauenswürdigkeit.16

Können Probiotika Resistenzgene weitergeben?

Ob Probiotika über Resistenzgene zu schwer behandelbaren Infektionen führen, ist nicht untersucht, im Labor ist die Weitergabe aber möglich. In frei verkäuflichen Probiotika fanden Forschende Gene, die Bakterien gegen mehrere Gruppen von Antibiotika unempfindlich machen. Im Zellversuch gaben angepasste Probiotika-Keime solche Resistenzen an Krankheitserreger weiter.17 Das ist ein Laborbefund.

Ausgerechnet nach einer Antibiotika-Kur könnte das eine Rolle spielen. Eine Auswertung von Proben aus der Darmschleimhaut fand, dass Probiotika nach Antibiotika die Zunahme von Resistenzgenen verstärkten, ohne Antibiotika bei manchen Menschen dagegen verringerten.18 Hinzu kommt ein Fall von einer Intensivstation, in dem ein Probiotika-Keim ins Blut gelangt war und dort eine neue Resistenz erworben hatte,19 doch welche Folgen das für Gesundheit und Krankheit hat, hat bisher keine Studie gemessen. Die europäischen Kinder-Gastroenterologen verlangen deshalb vorsorglich, dass Frühgeborene nur Stämme ohne übertragbare Resistenzgene bekommen.20 Sinnvoll ist das auch für Erwachsene: Bevorzugt werden sollten Präparate, deren Stämme genau benannt und auf solche Gene geprüft sind.

So wurde gemessen
  • Laboranalyse: Resistenzgene gegen Tetrazykline, Makrolide, Aminoglykoside und Glykopeptide; Übertragung im Zellversuch auf E. coli, Staphylococcus aureus und Enterococcus faecalis.17
  • Mikrobiom-Analyse: Neuauswertung von Proben aus Schleimhaut und Stuhl; die Zunahme der Resistenzgene nach Antibiotika zeigte sich nur in der Schleimhaut, nicht im Stuhl.18
  • Positionspapier ESPGHAN: Probiotika-Stämme für Frühgeborene sollen frei von übertragbaren Resistenzgenen sein.20

Sicherheitshinweis

Wer schwer krank oder stark immungeschwächt ist oder einen zentralen Venenkatheter hat, sollte Probiotika nur nach ärztlicher Rücksprache nehmen. Treten in dieser Lage unter Probiotika Fieber und Schüttelfrost auf, ist sofort ärztliche Hilfe nötig, notfalls über die 112.

Häufige Fragen

Kann man Probiotika und Antibiotika zusammen einnehmen?

Ja, genau so liefen die meisten Studien: Die Probiotika wurden parallel zum Antibiotikum genommen.1 Ob ein Abstand von einigen Stunden zur Tablette nötig ist, haben die Studien nicht verglichen.

Wie lange sollte man Probiotika nach Antibiotika nehmen?

Eine belegte Dauer gibt es nicht. Untersucht ist vor allem die Einnahme während der Behandlung; dass eine längere Einnahme danach der Darmflora hilft, zeigt keine Studie.

Probiotika vor oder nach Antibiotika?

Weder noch: In den Studien begann die Einnahme zusammen mit dem Antibiotikum. Bei älteren Menschen wirkte ein Beginn innerhalb der ersten zwei Tage, ein späterer Start nicht.6

Welches Probiotikum ist das beste nach Antibiotika?

Ein bestes Produkt lässt sich aus den Studien nicht ableiten. Einzeln am besten untersucht sind die Hefe Saccharomyces boulardii und der Stamm Lactobacillus rhamnosus GG, beide mit etwa halbiertem Risiko für Durchfall in ihren Studien.45

Weiterlesen

Probiotika für den Darm: Was bringen sie wirklich?Reizdarm, Blähbauch, träger Stuhlgang: Für fast jede Darmbeschwerde gibt es eine Dose mit Bakterien. Die Studien zeigen einen kleinen Nutzen bei einigen Beschwerden und viele offene Fragen.
9 Min. →
Probiotika für Kinder und Babys: Wann sind sie sinnvoll?Pulver gegen Durchfall, Tropfen gegen Koliken, Kapseln für die Abwehr: Für Kinder gibt es Probiotika in jeder Form. Was die Studien hergeben, hängt fast immer vom einzelnen Stamm ab.
10 Min. →
Probiotika in Lebensmitteln: Was Joghurt, Kefir und Sauerkraut wirklich liefernJoghurt mit lebenden Kulturen, rohes Sauerkraut, Kombucha in der Glasflasche: Sie gelten als natürliche Probiotika. Lebende Bakterien stecken aber nur in einem Teil davon, und ihr Nutzen ist selten geprüft.
9 Min. →
Probiotika: der ÜberblickAlle Wirkungen mit Evidenz-Stufe, Formen, Dosis, Sicherheit
← Überblick

Alle 23 Quellen

#StudieWer / wasErgebnisTyp
1Goodman et al. 2021, BMJ Open42 RCTs, 11.305 Erwachsene unter Antibiotika; davon 36 placebokontrollierte RCTs mit 9.819 Pers.Placebo-Studien RR 0,69; alle Studien RR 0,63 (95 % KI 0,54 bis 0,73), GRADE moderat; nur bestimmte Lactobacillus- und Bifidobacterium-Arten wirksam; bei niedrigem Ausgangsrisiko kein UnterschiedMeta-Analyse (maßgeblich)
2Liao et al. 2021, J Clin Gastroenterol36 placebokontrollierte RCTs, 9.312 ErwachseneRR 0,62 (95 % KI 0,51 bis 0,74); Nebenwirkungen nicht häufiger (RR 1,00)Meta-Analyse
3Allen et al. 2013, Lancet1 RCT (PLACIDE), 2.941 ausgewertete Klinikpatienten ab 65 Jahren, Lactobacillus-Bifidobacterium-Mischung, 21 TageAntibiotika-Durchfall 10,8 % gegenüber 10,4 % unter Placebo (RR 1,04; 95 % KI 0,84 bis 1,28; p = 0,71)Große RCT (Gegenbefund)
4Szajewska & Kołodziej 2015, Aliment Pharmacol Ther21 RCTs, 4.780 Kinder und Erwachsene, nur Saccharomyces boulardii; Kontrolle Placebo oder keine BehandlungAntibiotika-Durchfall RR 0,47 (95 % KI 0,38 bis 0,57); Kinder RR 0,43, Erwachsene RR 0,49; C.-difficile-Durchfall bei Erwachsenen RR 0,80, nicht signifikantMeta-Analyse (ein Stamm)
5Szajewska & Kołodziej 2015, Aliment Pharmacol Ther12 RCTs, 1.499 Kinder und Erwachsene, nur Lactobacillus rhamnosus GG; Hauptanalyse 11 RCTs, 1.308 Pers.RR 0,49 (95 % KI 0,29 bis 0,83), geringe Evidenzqualität; Kinder RR 0,48; Erwachsene RR 0,48 (95 % KI 0,20 bis 1,15), nicht signifikantMeta-Analyse (ein Stamm)
6Zhang et al. 2022, BMC Geriatr8 RCTs, 4.691 Menschen über 65 Jahre unter AntibiotikaTeilauswertung von 6 RCTs: Beginn innerhalb von 2 Tagen nach Start der Antibiotika senkte Antibiotika-Durchfall; 2 große Studien mit späterem Beginn ohne EffektMeta-Analyse (Zeitpunkt)
7Szajewska et al. 2026, J Pediatr Gastroenterol Nutr3 RCTs, 998 Kinder, nur Limosilactobacillus reuteri DSM 17938Gabe ≤ 14 Tage kein Effekt (RR 0,85; 95 % KI 0,26 bis 2,77); bis 21 Tage RR 0,50; bei Nachbeobachtung bis 56 Tage kein EffektMeta-Analyse (ein Stamm, Teil-Gegenbefund)
8Guo et al. 2019, Cochrane Database Syst Rev33 RCTs, 6.352 Kinder; Kontrolle Placebo, andere Vorbeugung oder keine BehandlungRR 0,45 (95 % KI 0,36 bis 0,56), GRADE moderat, NNT 9; ITT-Annahme RR 0,61; keine schweren Nebenwirkungen durch ProbiotikaMeta-Analyse (maßgeblich)
9Esmaeilinezhad et al. 2025, Cochrane Database Syst Rev47 RCTs, 15.260 Pers.; C.-difficile-Durchfall 38 RCTs, 13.179 Pers.; in 28 Studien HerstellerbezugRR 0,50 (95 % KI 0,38 bis 0,64), geringe Evidenzqualität, NNT 65; Antibiotika-Durchfall RR 0,67; Nebenwirkungen eher seltener (RR 0,86, nicht signifikant)Meta-Analyse (maßgeblich)
10Suez et al. 2018, CellMenschen und Mäuse nach Antibiotika: spontane Erholung, Mehrstamm-Probiotikum oder Rückgabe der eigenen Stuhlflora; keine Placebo-Gabe; Proben aus Stuhl und Darmschleimhautmit Probiotika deutlich verzögerte und anhaltend unvollständige Erholung der eigenen Darmflora und der Genaktivität der DarmschleimhautKontrollierte Studie ohne Placebo (klein)
11Zmora et al. 2018, Cellgesunde Erwachsene ohne Antibiotika, Mehrstamm-Probiotikum, Proben aus der DarmschleimhautAnsiedlung der Probiotika-Keime von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich, bei manchen kaum; Stuhlproben spiegeln die Schleimhaut nur teilweiseKontrollierte Studie (Begleitbefund)
12Tanashat et al. 2025, Clin Nutr ESPEN91 RCTs, 13.680 Pers.; Probiotika zusätzlich zur StandardtherapieAusrottung ITT OR 1,62 (95 % KI 1,41 bis 1,87), per Protokoll OR 1,60; weniger Bauchschmerz, Durchfall, Übelkeit, GeschmacksstörungMeta-Analyse (maßgeblich)
13Azam et al. 2025, Microbiologyopen14 placebokontrollierte RCTs, 2.054 Erwachsene, nur LactobacillusAusrottung RR 1,04, signifikant, hohe EvidenzqualitätMeta-Analyse (nur Placebo-Studien)
14Li & Xie 2025, Front Cell Infect Microbiol19 RCTs, 5.036 Pers., Saccharomyces boulardii zusätzlich zur EradikationstherapieAusrottung signifikant häufigerMeta-Analyse (maßgeblich)
15Szajewska et al. 2015, Aliment Pharmacol Ther11 RCTs, 2.200 Pers. (330 Kinder), ausgewertet 1.708Ausrottung RR 1,11 (95 % KI 1,06 bis 1,17); Nebenwirkungen gesamt RR 0,44; Durchfall RR 0,51; Übelkeit RR 0,6Meta-Analyse
16Chang et al. 2026, J Dig DisErwachsene 15 RCTs, Kinder 3 RCTsAusrottung Erwachsene RR 1,07, Kinder RR 1,12; GRADE moderatMeta-Analyse
17Tian et al. 2025, Microbiol SpectrProbiotika-Stämme aus Nahrungsergänzungsmitteln, LaboranalyseResistenzgene gegen Tetrazykline, Makrolide, Aminoglykoside und Glykopeptide nachgewiesen; im Zellversuch Weitergabe an E. coli, S. aureus und E. faecalisLaborstudie
18Montassier et al. 2021, Nat MicrobiolNeuauswertung von Mikrobiom-Daten aus Darmschleimhaut und Stuhl, mit und ohne Antibiotikanach Antibiotika verstärkten Probiotika die Zunahme von Resistenzgenen in der Darmschleimhaut; ohne Antibiotika bei manchen Menschen weniger Resistenzgene; im Stuhl nicht sichtbarMikrobiom-Analyse
19Yelin et al. 2019, Nat MedIntensivpatienten einer Klinik, mit und ohne Probiotika, Erbgutvergleich der BlutkeimeLactobacillus im Blut unter Probiotika häufiger, Blutkeime stammten aus dem Präparat; ein Keim hatte eine neue Resistenzmutation erworbenBeobachtungsstudie
20van den Akker et al. 2020, J Pediatr Gastroenterol NutrPositionspapier der europäischen Kinder-Gastroenterologen (ESPGHAN) zu FrühgeborenenProbiotika-Stämme sollen frei von übertragbaren Antibiotika-Resistenzgenen sein (Vorsorgeforderung)Positionspapier
21Merenstein et al. 2021, NutrientsGesunde Erwachsene unter Amoxicillin/Clavulansäure, Joghurt mit B. lactis BB-12 gegen Kontrolljoghurtweniger Veränderung der Stuhlflora und der kurzkettigen FettsäurenRCT
22MacPherson et al. 2018, Sci Rep70 Gesunde unter Amoxicillin/Clavulansäure, L. rhamnosus R0011 und L. helveticus R0052 gegen PlaceboStuhlflora in beiden Gruppen eine Woche nach dem Antibiotikum wie zu BeginnRCT
23Engelbrektson et al. 2009, J Med MicrobiolGesunde unter Amoxicillin/Clavulansäure, Mischung aus Bifidobakterien und Laktobazillen gegen PlaceboStuhlflora mit Probiotika näher am AusgangszustandRCT

Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung. Keine Werbung, keine Kauflinks, keine Produktempfehlungen.